Bist du dein...Geschlecht?
- olivercoors
- 6. Okt. 2023
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. März

Überall herrscht Aufregung. Gerade läuft das Finale in Bern. Ich liebe Fussball. Nicht nur, weil wir im Finale stehen. Ich liebe den Sport. Ich liebe den Kampf, den Wettbewerb, die Körperlichkeit. Ich wäre gern so wie Posipal, Rahn oder Fritz Walter. Mir geht's da genauso wie den meisten Jungs in meiner vierten Klasse. Und wie sie mag ich auch Raufen, mich im Dreck zu wälzen und Chaos zu veranstalten. Bescheuerte Streiche und sowas. Die Mädchen an Kleidchen festhalten, ihre Schuhe zu verstecken oder heimlich auf Baustellen herumzustreifen. Ich werd' aber nie so sein können, wie Posipal, Rahn oder Fritz Walter. Ich bin ein Mädchen.
Zum Glück hat sich in Hinblick auf die Akzeptanz von individuellen Geschlechteridentitäten seit den 50er Jahren schon ein bisschen etwas getan. Natürlich können sich Kinder oder Erwachsene einem anderen als ihrem biologischen Geschlecht zugehörig fühlen. Und Frauen-Fussball-WMs hatten zuletzt bisweilen sogar bessere Einschaltquoten als jene der Männer. In den 50er Jahren wäre das undenkbar gewesen, die ersten Vorläufer des globalen Frauenwettbewerbs fanden überhaupt erst in den 70er Jahren statt.
Wie auch immer, deine Ich-Identität ist in jedem Fall ganz eng mit deinem Geschlecht, dem biologischen oder auch gefühlten, verknüpft. Deine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht - oder auch zu keinem bestimmten - hat Einfluss auf unendlich viele Bereiche deines Lebens. Und zwar von frühester Kindheit an.
Tatsächlich beginnt die biologische und soziale Prägung auch hier bereits während der Schwangerschaft. Ultraschallexperten können heute mit 80%iger Wahrscheinlichkeit ab der 13. Woche richtig das biologische Geschlecht von Embryos vorhersagen. Ca. 4 Wochen
vorher beginnen überhaupt erst unterschiedliche Körperentwicklungen zwischen weiblichen und männlichen Embryos. Erstaunlicherweise findet aber auch in der Schwangerschaft bereits eine soziale Prägung hinsichtlich der Geschlechtsidentität statt. Untersuchungen haben gezeigt, dass Eltern den Embryos häufig bereits im Bauch bestimmte Eigenschaften zuordnen, dazu gehört oft auch das Geschlecht, egal ob sie es bereits kennen oder nicht.
Und unbewußt sprechen sie dann mit ihnen bereits in bestimmten Rollenklischees, die z.B. von Stimmlage,Tonhöhe oder auch Wortwahl charakterisiert sind. Und diese Bedeutung des Geschlechts für die individuelle Identität und Prägung nimmt nach Geburt dann weiter
exponentiell zu. Schon im Kindergarten bilden sich häufiger und stabiler reine Jungs- bzw. reine Mädchencliquen als wirklich dauerhafte gemischte. Bestimmte Sportarten sind schon ab Kindesalter nach wie vor geschlechtsspezifisch dominiert. Und die Partnerwahl ab der Pubertät folgt ja auch nach wie vor meistens einem geschlechtsabhängigen Muster.
Zusätzlich dazu gibt es natürlich Tausende von bewussten und unbewussten Verhaltensmustern, die sich auf deine Geschlechtsidentität beziehen. Und auch
Idealvorstellungen bestimmter Aussehensaspekte wie Haare, Muskeln, Proportionen und Symetrien etc. richten sich zu einem großen Teil in diesem Kontext aus.
Und jetzt sollst du dir mal vorstellen, wer du ohne dein Geschlecht bist? Das erscheint doch sehr herausfordernd.
Dann schau' doch zunächst einmal, ob du dir dich als ein Teil des jeweils anderen Hauptgeschlechts vorstellen kannst. Wenn du eine Frau bist: könntest du als imaginierter Mann immer noch irgendwie "Ich" zu dir sagen? Bliebe da etwas übrig, das von dieser enormen Identitätsveränderung unberührt wäre? Wenn ja, wie würdest du es nennen?
Auch hier könntest du natürlich mal "Übungen" machen, um diese Vorstellung mit etwas Leben zu füllen. Du kannst dir ja mal Kleider des anderen Geschlechts anziehen und
schauen, wie dein "Ich" sich beim Tragen dieser Kleidung anders anfühlt. Vor allem aber: wie dein "Ich" sich dabei unverändert anfühlt!
Der nächste imaginäre Schritt wäre dann, dir ein "Ich" ganz ohne Geschlecht vorzustellen. Dann fiele natürlich auch der gesamte Bereich - zumindest konventioneller - Sexualität weg. Egal, ob als Mann oder Frau, du wärest dann nicht mehr Teil einer potenziellen meist ja
dualistischen (zumindest aber individuellen) gegenseitigen körperlichen Anziehungskraft.
Gäbe es dich denn trotzdem noch irgendwie? Wäre dies eine absolut wesentliche Identitäts-
Einschränkung, oder wäre da ein noch wesentlicheres "Ich", dem das ziemlich egal wäre?




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