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Bist du dein ... Besitz?


Ein Werbespot aus dem Jahr 1995 für eine bekannte Hamburger Sparkasse: Zwei Männer mittleren Alters treffen sich in einem Café. Der eine sitzt bereits am Tisch, der andere kommt gerade zu ihm. Beide erscheinen wohlsituiert, der bereits Sitzende begrüßt den Ankommenden übertrieben laut und überschwenglich: "Nein! Der Schubert!" Der Ankommende grüßt, ebenfalls laut, freudig zurück: "Schröder!" Der Sitzende: "Mensch, ewig nicht gesehen. Setz' dich." Beide sitzen jetzt. Schröder (weiter in übertrieben überschwenglicher Manier): "Wie geht's dir?" Schubert (fröhlich): "Gut. Und dir?" Schröder:"BLEN-DEND! Wart' mal." Blitzartig zieht er drei Fotos aus seiner Sakko-Innentasche und knallt sie nacheinander auf den Tisch: "Mein Haus, mein Auto, mein Boot". Die drei Fotos zeigen Luxusvarianten der jeweiligen Gattungen.

Es folgt ein Western-artiger Moment der Stille, gefilmt wie der Zeitpunkt in einem Revolverduell, unmittelbar bevor die Kontrahenten ihre Waffen ziehen und aufeinander schießen. Schröder und Schubert fixieren sich mit den Augen. Dann greift Schubert ebenso blitzartig in seine Sakko-Tasche und zieht ebenfalls Fotos hervor. Schubert: "MEIN Haus, MEIN Auto, MEIN Boot." Schuberts Eigentum erscheint noch luxuriöser. Schubert knallt aber noch weitere sechs Fotos auf den Tisch, drei zeigen imposante Pferde und weitere drei hübsche junge Frauen: "Meine Pferde … und meine Pferdepflegerinnen". Schröder ist erstmals kleinlaut und stammelt leise: "Aber in der Schule warst du doch immer … ." Schubert greift ein letztes Mal in sein Sakko und knallt als finalen Schuss eine Visitenkarte auf den Tisch: "Und mein Anlageberater!"


Einer der Hauptgründe dafür, warum dieser Werbespot vor fast 30 Jahren so viel Resonanz

erzielte und selbst heute noch immer wieder kulthaft "zitiert" wird: natürlich sind die beiden Männer, die sich offenbar ausschließlich über ihren Besitz definieren, satirisch zugespitzte Charaktere. Es wäre aber nicht für so viele Menschen witzig, wenn die meisten von uns nicht

entweder sich selbst oder jemand anderes zumindest ein kleines bisschen darin wiedererkennen würden.

Normale Menschen prahlen vielleicht nicht mit Pferden, Booten oder Luxusautos. Aber vielleicht besitzen auch sie etwas, auf das sie stolz sind und wovon sie anderen gerne

erzählen. In jedem Fall wirkt Besitz permanent in den Alltag hinein und hat sogar Einfluss auf Möglichkeiten und Optionen in der Zukunft. Und er prägt uns, egal ob wir viel oder wenig

davon haben.

Und wir fangen ja schon früh an, zu besitzen. Am Anfang sind es Kuscheltiere und Spielzeuge, dann Jugendhandys und Fahrräder. Auch, wenn wir diese Dinge rechtlich

teilweise vielleicht noch gar nicht wirklich besitzen (sondern sie formell noch unseren Eltern gehören) - identitätsprägend sind sie laut Personalpronomen für uns in jedem Fall bereits. Und natürlich macht es einen Unterschied, OB man ein Kuscheltier besitzt. Und auch

WELCHES Kuscheltier man besitzt. Später wird Besitz dann ja noch viel komplexer und

differenzierter. Meistens spielt auch der Gesamtwert des Besitzes eine wichtige Rolle. Denn der erlösbare Gesamtwert sagt ja etwas über die materielle Sicherheitslage des oder der Besitzenden aus. Und ganz zugespitzt: je mehr besessen wird, desto länger kann ohne

fremde Hilfe überlebt werden. Insofern ist hier das Identitätsmerkmal "Besitz" relativ eng verknüpft mit den identitären Grundpfeilern Körper und Leben.

Auf der anderen Seite geht es aber eben doch nicht nur um den trockenen Zahlenwert unseres Gesamtbesitzes. Das Potpurri der einzelnen Besitzstücke ergibt schließlich

am Ende eine derart unverwechselbar und einmalig individuelle Mischung, dass kaum zwei erwachsene Erdenbürger*innen EXAKT den gleichen Besitz haben werden. Insofern spiegelt unser Besitz in gewisser Weise auch unsere Individualität wieder.

Und wie sieht's mit deinen Häusern und Autos und Booten aus? Wie sehr ist deine Identität mit deinem Besitz verknüpft? Was wäre dein Ich, wenn es nichts mehr besäße? Es wäre vielleicht unsicherer, gehetzter, momenthafter? Oder, wenn es im Lotto gewänne und plötzlich noch viel mehr besäße? Wäre es dann großzügiger, freier, ungezwungener?

Wie würde sich dein Ich verändern? Die Frage ist, ob es bei allen möglichen Veränderungen zusätzlich auch etwas Übrigbleibendes in dir (oder um dich herum) gibt, das du Ich nennen kannst und das von Besitz tatsächlich unberührt ist?

 
 
 

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