Bist du deine ... Krankheit?
- olivercoors
- 25. Sept. 2023
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Dez. 2025

"Das ist jetzt das dreihundertste Mal, das ich heute niesen muss. Mein ganzer Körper tut weh, ich hab' Gliederschmerzen, alles ist superheiß. Aber die Füße und Hände - die sind so eiskalt, daß ich zwei paar Wollsocken und Handschuhe angezogen hab'. Mein Kopf dröhnt, in den Ohren drückt und zieht es, und meine Haut ist krass empfindlich. Ich mag mich nicht bewegen, aber auch im Liegen tut alles weh. Ich möchte schlafen, Ruhe finden, das geht aber auch nicht. Ich wälze mich. Im Schrank gibt's weder WickMediNight noch Paracetamol. Ich bekomm' das also nicht weniger, geschweige weg. Ich hab' keine Lust mehr, so ein Körper ist einfach viel zu anfällig. Ich bin grad eigentlich nichts anderes mehr als krank."
Krankheit und Identität - das ist eine enge Beziehung. Je kranker du bist, desto mehr prägt das Kranksein deine Identität. Sowohl akut als auch chronisch. Das macht ja auch Sinn. Wenn du akut krank bist, nimmt so eine Krankheit gerne mal sehr viele Sinne ein und ist derart unangenehm, dass du kaum etwas anderes denken oder fühlen kannst. Du BIST dann die Krankheit. Du BIST der Schmerz, das Unwohlsein, das vergangenheits- und zukunftslose Leid der Gegenwart. Wenn du chronische gesundheitliche Probleme hast, ist es vielleicht nicht in jeder Sekunde so schlimm, dass der Hauptteil deiner Aufmerksamkeit auf die Krankheit fixiert ist. Dafür ist sie vielleicht für lange Zeit Teil deines Alltags und daher noch identitätsprägender. Eine Erkältung hat jeder Mensch mal, das ist zwar vielleicht für ein paar Tage ein wichtiger Teil deines Ichs - aber nichts wirklich Individuelles. Wenn du dagegen eine bestimmte chronische Krankheit hast, bist du automatisch Teil einer begrenzten Gruppe. So wie du eine bestimmte Nationalität besitzt und damit einer nationalen Gruppe angehörst, macht dich die Krankheit auch - ob du es willst oder nicht - einer Gruppe von Menschen mit dieser Krankheit zugehörig. Und je mehr die Krankheit deinen Alltag prägt, desto mehr verankerst du sie automatisch in deiner Identität. Nicht umsonst sprechen alte Menschen häufig sehr viel über ihre Krankheiten und Beschwerden - zum einen fallen andere identitätsstiftende Aspekte wie Beruf oder Freunde allmählich weg, zum anderen wird der Körper anfälliger und man muss sich mehr darum kümmern, dass das Ganze zumindest noch halbwegs funktioniert. Da Krankheiten meistens nicht als etwas Gutes empfunden werden, ist es manchmal vielleicht gar nicht so schwer, sich ein Ich ohne sie vorzustellen. Jene Aspekte deiner Identität, die du nicht so toll findest, kannst du häufig leichter imaginär loslassen als jene, an denen du wirklich hängst. Auf der anderen Seite sind sie - sowohl
akut als auch chronisch - häufig so dominant, dass es schwerfällt, ein Ich ohne sie zu erkennen. Wie bei allen anderen identitätsprägenden Aspekten ist aber auch bei Krankheiten alles letztlich eine Frage der Aufmerksamkeit. Wenn du deine Aufmerksamkeit von der Krankheit weg richtest, wird ihr Anteil an deinem Ich auch geringer. Natürlich ist das viel leichter gesagt als getan. Denn was ist aufmerksamkeitsabsorbierender als Schmerz? Es gibt gut trainierte Aufmerksamkeitskünstler*innen, die Schmerz aufeine besondere Art und Weise ertragen oder gar ausblenden können. In manchen östlichen Kampftechniken spielt das zum Beispiel eine Rolle oder auch bei indischen Fakiren. Auch beim Militär werden Menschen trainiert, ihre normalen körperlichen Schmerzgrenzen zu verschieben. Insofern sind Schmerzen oder Krankheiten selten etwas völlig Starres und Unbewegliches. Obwohl es einem so vorkommt, als ob dieser Schmerz oder diese Krankheit IMMER da ist (weil er/sie so viel Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt), ist das selten genau so der Fall. In Schmerztherapien (auch in Psychotherapien) gibt es daher Übungen, die der Patientin oder dem Patienten dabei helfen sollen, die schmerz- oder symptomfreien Momente überhaupt einmal wahrzunehmen. Es gibt z.B. den Glücksbohnen-Ansatz: immer, wenn man eine positive (schmerz- oder symptomfreie) Erfahrung macht, legt man Bohnen (oder Steine, Murmeln, etc.) von der linken in die rechte Hosentasche. Und am Ende des Tages wird man
mithilfe der Bohnen in der rechten Hosentasche meistens feststellen, dass es entgegen der bisherigen Wahrnehmung eben doch - wenn auch vielleicht nur wenige - gute Momente gab. Wie sieht's denn mit dir und deinen körperlichen Schwachstellen, Krankheiten und Schmerzpunkten aus? Kannst du dir dein Ich ohne sie vorstellen? Ja? Dann warte mal, bis die nächste heftige Schmerzwelle dich überrollt. Dann wird das wieder sehr viel schwieriger.
Aber vielleicht willst du es ja trotzdem versuchen: selbst, wenn's dir körperlich richtig schlecht geht - ist da etwas, das vollkommen unberührt von deinem aufmerksamkeitsheischenden körperlichen Zustand ist? Etwas, das so immerwährend und nah an dir ist, dass du es getrost als Ich bezeichnen könntest? Das ganz unabhängig davon existiert? Wer oder was ist das?




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