Bist du dein ... Name?
- olivercoors
- 25. Sept. 2023
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Dez. 2025

"Dieses eine Wort habe ich jetzt immer wieder gehört. Ich wollte sagen: Seit ich auf der Welt bin. Aber tatsächlich habe ich es ja schon gehört, als ich noch im Bauch war. Da habe ich es akustisch natürlich noch nicht richtig verstanden, es war auch alles sehr dumpf. Aber jetzt allmählich, da ich größer geworden bin und fast schon Laufen kann, nach Tausenden von Wort-Wiederholungen - jetzt verstehe ich. Dieses Wort hat eine besondere Bedeutung. Mit diesem Wort ist etwas ganz Spezielles gemeint. Damit bin ich gemeint. Das ist wohl …mein Vorname."
Wenn du das erste Mal deinen Vornamen hörst, hast du mit Sicherheit noch keinen annähernd blassen Schimmer, was mit diesen seltsamen Lauten gemeint sein könnte. Vielleicht ist dieses an dich gerichtete, ausgesprochene Wort aber von dem oder der Sprechenden mit einer emotionalen Energie verbunden, die dir doch etwas vermittelt. Vielleicht ja Freude, Hoffnung, Geborgenheit, Liebe. Und ab dann hörst du es wirklich immer wieder, dieses eine Wort. Wie ein Mantra, das alle Leute um dich herum andauernd wiederholen. Das muss ja etwas verdammt Wichtiges sein, wenn es so oft wiederholt wird.
Manchmal versuchst du, dieses Wort selber auszusprechen, aber so richtig klappt das noch nicht, es klingt noch irgendwie anders als bei den Anderen. Aber irgendwann … da kapierst du es dann: dein Vorname bist du, du bist dein Vorname. Also, wenn andere dieses Wort sagen, dann meinen sie dich. Wenn sie dich damit direkt ansprechen, dann wollen sie vielleicht etwas von dir. Meistens wahrscheinlich deine Aufmerksamkeit. Manchmal hörst du deinen Namen aber auch, ohne das du direkt angesprochen wirst. Dann wird offenbar nicht mit dir sondern über dich gesprochen. Das fühlt sich meistens nicht so gut an. Und heute? Wie ist heute das Verhältnis zwischen dir und deinem Vornamen? Wahrscheinlich hast du dich mittlerweile halbwegs gut an ihn gewöhnt. Vielleicht seid ihr auch richtig eng miteinander verwachsen. Wenn du dich mit deinem Namen bei Fremden vorstellst - dann ist er für dich in jedem Fall bereits das Vehikel für deine gesamte Identität. Wie die Beschriftung auf einem Aktenordner mit unzähligen Informationen darin. Und wenn du mit deinem Namen angesprochen wirst, dann greifst du ganz automatisch auf alle Informationen in diesem Aktenordner zu. Und du wirst normalerweise sehr kongruent zu diesen Informationen
antworten. Wenn im Aktenordner "freundliche Persönlichkeit" vermerkt ist, wird die Antwort
wahrscheinlich etwas freundlicher ausfallen als zum Beispiel bei jemand anderem, der in seinem Aktenordner vielleicht Adjektive wie "grummelig" oder gar "aggressiv" vermerkt hat. Sag' einfach mal leise den Satz "Mein Name ist …" (mit deinem Vornamen natürlich) vor dich hin und achte darauf, was in deinem Inneren passiert. Es wird wahrscheinlich sofort eine millisekündliche Verbindung zu deiner Kindheit, ja sogar zu deinem gesamten Leben geben
- kaum etwas kann diese Verbindung so unendlich schnell herstellen, wie dein Name.
Es ist nicht umsonst, dass Geburtsnamen überall dort, wo das Ego zugunsten eines größeren Kontexts "überwunden" werden soll, abgelegt werden. In vielen spirituellen und religiösen Kontexten gibt es entsprechende Initiationsriten, z.B. beim Eintritt in ein buddhistisches
Kloster oder ähnliche Vereinigungen. Mit dem Namen legt man dann quasi auch seine gesamte Vergangenheit ab und ist frei für die Zukunft - vor allem frei für ein egofreies
Leben zugunsten einer Gemeinschaft, einer großen Idee oder Gott. Daran wird deutlich, wie elementar dein Name und deine Identität, die Vorstellung von deinem Ich, miteinander
verknüpft sind. Natürlich bekommt man in den genannten Kontexten meistens auch einen neuen Namen.
Wenn du einmal ein Experiment machen willst, lass' dich von den Menschen in deiner unmittelbaren Umgebung mal einen Tag lang mit einem anderen Namen ansprechen.
Wenn's besonders deutlich werden soll, sogar mit intensiv konnotierten Namen (z.B. Adolf, Jesus, Marylyn oder Hillary).
Die Frage in Bezug auf deine Identität lautet: Was bleibt von dir, wenn man deinen Namen
wegnimmt? Wer oder was bist du ohne deinen Namen? Nimm' dir ruhig mal ein paar Augenblicke, und versuche es dir vorzustellen. Fühle mal in dein Ich ohne Namen hinein.




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